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2013-03-01 Politik und Volksmusik: immer die selben Künstler

  • JR

Als ich noch keine zehn Jahre alt war, kannte ich nur zwei Fernsehprogramme für Erwachsene – die Nachrichtensendungen und die “Volksmusik”-Sendungen. Die Nachrichtensendungen fand ich damals ja langweilig, aber die “lustigen” Musikanten sah ich gerne.

In der Schule hätte ich das natürlich nie zugegeben. Aber an Samstagabenden musste ich erst ins Bett, wenn der letzte Jodler gesungen war, ungefähr um viertel vor zehn, und vielleicht liegt es ja daran, dass man mit mir auch heute kein vernünftiges Gespräch führen kann, wenn irgendwo in Sichtweite ein Fernseher läuft. Ich muss immer hingucken.

Inzwischen weiß ich natürlich, dass es hinter den Landschaftsbilderkulissen gar nicht immer so harmonisch hergeht. Was Stefan Mross für böse Sachen gesagt hat, 2007 war das wohl, weiß ich zwar nicht, aber einige Berliner waren ihm damals sehr böse, und schrieben entsprechende Briefe an den Berliner Kurier.

Wie komme ich darauf? Vielleicht liegt es daran, dass eine Leserin aus Friedrichshain meinte,

Sicherlich ist es wahr, dass sich bei den Volksmusiksendungen immer die selben Künstler tummeln. Aber wen es stört, der muss ja nicht hinsehen.

Das stimmt natürlich. Inzwischen kann ich ja im Fernsehen angucken, was ich will, und wenn es da wirklich noch “Volksmusik”-Programme gibt, bemerke ich sie gar nicht mehr. Ich gucke eigentlich auch fast nur  noch Privatfernsehen, und mehr als zwei Stunden TV in der Woche kommen bei mir nicht zusammen.

Aber im Gegensatz zu früher schaue ich mir inzwischen auch Nachrichtensendungen an. Noch lieber höre ich sie. Die Sache hat nur einige Haken.

Zum einen tummeln sich da immer die selben Leute. Ständig taucht da ein Ex-Finanzminister auf, der jetzt vor allem “SPD-Kanzlerkandidat” genannt wird. Wo er sich sonst noch tummelt, muss ich nachgucken, denn natürlich gibt es für den Kanzlerkandidaten – Steinbrück heißt er – auch ein Leben nach den Nachrichtensendungen.

Seit 2010 ist er zum Beispiel im Aufsichtsrat von Borussia Dortmund. Ebenfalls seit 2010 war er im Aufsichtsrat von ThyssenKrupp – bis 2012. ThyssenKrupp ist ein Name, der mir etwas sagt, weil die vor ein paar Jahren in Norddeutschland eine Werft zugemacht haben.

Borussia Dortmund sagt mir auch etwas.

Bei den “Volksmusik”-Aufzeichnungen oder auch Live-Sendungen taten die Musiker immer so, als spielten sie ihre Instrumente. In Wirklichkeit taten sie das aber manchmal gar nicht, erzählte mir eine Bekannte, die mit ihrem Posaunenchor dort aufgetreten war. Ihre Musik wurde vorher aufgenommen, und sie hampelten dann hinterher nur dazu.

Bei vielen Politikern in Aufsichtsräten ist das anscheinend ganz ähnlich.

Als der Steinbrück neulich, vor der Niedersachsenwahl, in Ostfriesland war, wusste er vielleicht gar nicht, dass die Manager, auf die er bei ThyssenKrupp aufpassen sollte, dort ein paar Jahre vorher (und vor Beginn seines Aufsichtsmandats, damit hier kein falsches Bild entsteht) eine Werft geschlossen hatten. Einen “Hochtechnologiestandort”, wie man in der Politikersprache auch gerne sagt.

Nur damit jetzt kein falscher Eindruck entsteht: in den Aufsichtsräten sitzen nicht nur Sozialdemokraten. Beim Musikantenstadl musizierten ja auch nicht nur Bayern. Googlen Sie einfach mal Landrat und Aufsichtsrat.

Außerdem muss man ja nicht immer Aufsichtsratsmitglied sein. Wenn man schon mal Bundesminister war, kann man auch irgendwo einen Vorsitz übernehmen. Rudolf Scharping ist zum Beispiel Vorsitzender des Bundes der Deutschen Radfahrer. Vorher war er Verteidigungsminister gewesen. Und nochmal vorher Kanzlerkandidat. Ich bin sicher, die Radfahrer hatten sich in den Monaten nach Scharpings Rücktritt als Verteidigungsminister nervös die Fingernägel zerkaut. Kommt er wirklich zu uns? Gott sei Dank, er kam.

Shit. Das war jetzt auch wieder ein Sozialdemokrat. Ist keine böse Absicht.

Man kann als Politiker auch Mitglied in einem Rundfunkrat werden. Gott sei Dank gibt es in Deutschland ganz viel öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Alleine schon die ARD hat neun Mitglieds-Rundfunkanstalten, und der Norddeutsche Rundfunk (das ist eins der Mitgliedsanstalten) hat dann nochmal vier “Landesfunkhäuser” in vier verschiedenen norddeutschen Bundesländern). Außerdem gibt es das ZDF, den Deutschlandfunk, und die Deutsche Welle. Bibel-TV ist privat, aber der erste Boss beim Bibelfernsehen – Röhl heißt der – war vorher Direktor des Landesfunkhauses Schleswig-Holstein und “Tagesschau”-Leiter beim Norddeutschen Rundfunk gewesen,  und ist ein frommer Christdemokrat.

Na endlich – ein Christdemokrat.

In jedem Rundfunkrat sitzen die Politiker von so ungefähr zwei bis fünf Parteien. Außerdem Vertreter der Kirchen, der Gewerkschaften, und anderer Vereine. Darum gibt es in der “Tagesschau” auch fast nur Inlandsthemen. Das Ausland taucht auf, wenn deutsche Kanzlerinnen oder Minister dort hinreisen, oder wenn die Bundeswehr schon da ist. Dann sind das ja auch irgendwie deutsche Themen, über die unsere politischen Parteien eine Meinung haben müssen.

Und Obama. Wenn der vereidigt wird, kommt er bei uns auch in die Nachrichten. Wenn der dann nicht kommt, könnte das Publikum sauer werden.

Die Kirchenleute im Rundfunk- oder Verwaltungsrat passen auf, dass Gott im Fernsehprogramm nicht zu kurz kommt. Die Gewerkschaften passen auf, dass am 1. Mai eine arbeitnehmerfreundliche Doku gezeigt wird. Die sieht dann immer ganz seltsam aus, irgendwie, naja, links. Das gibt es nur einmal im Jahr, und wirkt fast so erschreckend, als würde unkommentiert eine Neujahrsansprache von Honecker gesendet.

Aber die Kirchen- und Gewerkschaftsleute sind häufig auch Politiker. Wenn die an einer Verwaltungsratssitzung teilnehmen, wechseln sie nur mal kurz die Krawatte oder die Ohrringe.

Als der britische Unterhändler und Journalist Hugh Carlton Greene mit den nachkriegsdeutschen Politikern über die Staatsferne des Rundfunks verhandelte, hatten die Deutschen andere Vorstellungen von einem staatsfernen Rundfunk als die Briten. Ich weiß nicht, wie weit sich die Deutschen durchsetzten, aber ihre Rundfunkräte – oder Verwaltungsräte im Rundfunk – bekamen sie jedenfalls. Der damalige Bürgermeister von Hamburg, ein Herr Brauer, knurrte ihm damals etwas Unfreundliches ins Ohr. “Sie werden Ihr Ziel nicht erreichen, Mr. Greene. Sie werden es nicht erreichen.” (Das behauptete jedenfalls Mr. Greene.)

Aus solchen Gründen musste der frühere hessische Ministerpräsident auch ausführlich erklären, dass er keine parteipolitischen Probleme mit einem ZDF-Chefredakteur habe, sondern ihn wegen Zuschauerverlusten nicht mehr als Chefredakteur sehen wollte.

Aber irgendwie glaube ich dem Koch das nicht. Auch der ZDF-Intendant (so eine Art Direktor) glaubte ihm das wohl nicht. Jedenfalls hätte er den Chefredakteur – Brender hieß der – gerne wiedergewählt.

Früher führte ein “Tagesschau”-Sprecher mal einen arbeitsgerichtlichen Prozess und gewann den. Von ihm stammt eine Äußerung, die “Tagesschau” sei parteipolitisch beeinflußbar. Das wusste zwar sowieso jeder denkende Mensch, aber einige seiner Vorgesetzten fanden das wohl so offensiv, als hätte er ihnen auf den Schreibtisch geschissen, ohne vorher um Erlaubnis zu fragen. Außerdem fiel seine Äußerung womöglich auch nicht-denkenden “Tagesschau”-Guckern auf. Das hätte ja nicht sein müssen, wenn er die Klappe gehalten hätte.

Es läuft wohl eher so wie unter Kindern. Erst haue ich dem Jonny eine, weil ich seine Sandschaufel haben will. Und wenn die Kindergärtnerin mich dann fragt, wie ich dem armen Jonny nur eine hauen konnte, sage ich, der hat mich zuerst gehauen. Mit der Sandschaufel. Vielleicht meldet sich dann von Weitem noch Bastian und schwört, dass ich die Wahrheit sage. Daraus entstehen Freundschaften fürs Leben.

Schon Erich Kästner hat gesagt, wir sollen unsere Kindheit nicht vergessen. Politiker haben ein besonders gutes Gedächtnis. Was sie im Sandkasten gelernt haben, das können sie noch heute.

Eigentlich ist das ja auch alles gar nicht so schlimm. Lebenslange Freundschaften sind ja eine gute Sache, und wen es stört, der muss ja nicht hinsehen. Oder er schaltet auf die BBC um. Von denen kam damals auch der Hugh Carlton Greene. Als er dann wegging – nämlich zurück zur BBC, wo er hergekommen war -, fanden die Deutschen ihn auch ganz toll, und nannten die Straße, an dem das NDR-Fernsehen seinen Platz hat, den Hugh-Greene-Weg. Für eine richtige Straße reichte es dann doch nicht.

Ich wünschte, Greene wäre noch hier. In der BBC kann ich nämlich nicht so viel über Deutschland hören, wie beim NDR. Dafür kann ich der BBC aber eher glauben, was ich da höre.

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