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2013-03-01 Dossier

Drohnen – wer drückt auf den Knopf?

  • Oberham

Man setzt mit einem Bild ein, einer Szene, hier bietet sich die Familie an, auf der Fahrt – irgendwo im Jemen, sagen wir an der Küstenstraße zwischen al-Mukalla und Aden.

Das Auto wird vom Vater gelenkt, die Mutter auf dem Beifahrersitz, im Fond die Kinder Afrah – neun Jahre alt, Zayda – sieben Jahre alt, Hoda – fünf Jahre alt und Sheika – vier Jahre alt.

Ein mir unbekannter Pilot, der ganz ruhig und ohne besondere Angstzustände verspüren zu müssen einige tausend Kilometer entfernt wie ein Kind in einer Spielhalle vor einem Bildschirm sitzt, beobachtet dieses Fahrzeug, er kann es gut sehen, er kann sogar so nah zoomen, dass er das weiße in den Augen des Fahrers sieht. Er sieht, die Frau an seiner Seite, er sieht die Kinder im Fond des Wagens, er identifiziert anhand der biometirischen Merkmale den Mann am Steuer, er bekommt das “go”, er drückt auf einen Auslöser, eine Hellfire Rakete löst sich unter dem rechten Flügel, eine weitere unter dem linken Flügel eines unbemannten Flugobjekts. UFO, unfreundliches UFO, du trägst den Tod heran, du bist aus Stahl, du steckst voller Elektronik, du bist geschaffen worden von klugen Ingenieuren, die statt effiziente Technik zur Versorgung der Menschen, effiziente Technik zur Vernichtung der Menschen erdenken.

Der Mann am Steuer erkennt aus den Augenwinkeln noch die heranrasende Rakete, er versucht noch auszuweichen,  die Infrarotsteuerung macht jede Bewegung mit, beide Raketen treffen – ein sauberer Kill!

Ja, man kann den Jubel hören. Eines der vier Kinder wird aus dem Wagen geschleudert, es lebt, es hat nur noch zwei Glieder am Rumpf, es lebt und es schreit, es schreit fürchterlich, niemand hört es, niemand sieht es.

Einer weniger auf der Liste, die anderen zählt man nicht, sie verschwinden im Schatten, ausgeblendet, ausgebrannt, ausgetreten, zerfetzt wie möchten sie es gerne haben – oder sagen wir, bedauernswerte Opfer im Krieg gegen den Terror.

Wer ist der Terrorist? Wer ist der Gute, wer ist der Böse? Wo stehen wir, auf welcher Seite? In Mali haben die fundamentalistischen Taliban ihren Gegnern die Gliedmaßen abgetrennt, sie haben das sogar noch dokumentiert – als Abschreckung?, oder wozu, wie krank sind diese Menschen, die andere verstümmeln, die sich Sprengladungen umbinden, oder schlimmer Kindern Sprengladungen umbinden, die Kindern Sprengladungen in ihre Bäuche operieren, die diese Kinder – die ahnungslos sind, die nur fürchterliche Schmerzen haben und eine Narbe, eine große Narbe am Bauch – inmitten von Menschenansammlungen mittels des deponierten Mageninhalts in Fetzen durch andere Menschen fliegen lassen und die Knochen des Kindes zu tödlichen Splittern transformieren, die andere mitreißen, andere verstümmeln, hundertfaches Leid – auch durch Knopfdruck hinterlassen.

Wie schreiben wir die Bilanz dieses Treiben, wie buchen wir Glieder, tote Kinder, tote Schwangere Frauen, wie buchen wir Hass, Leid, Angst, Zorn, Rache, Vergeltung, Verzweiflung, Hilflosigkeit und all die anderen Früchte dieser Taten?

Gleichen wir mit diesen Hellfire Raketen eine Schuld aus? Was steht unter dem Strich, außer dem Gewinn der Oligarchen? Die Toten!

Wir leben in einer Welt, die schlimmer ist, als die fürchterlichste Despotie welche wir in der Geschichte finden können. Wir leben in unseren City-Zerstreuungstempeln, lieben uns in der Suite des Wellness-Hotels, wir arbeiten in Glaspalästen und verbuchen den Irrsinn, der renditebringend über die Hälfte der Menschen auf dieser Welt mit dem Leben bedroht.

Wir die teuflischen, guten, demokratischen, pazifistischen, intelektuellen ,gebildeten, angepassten, menschlichen, zivilisierten Bestien, wir leben auf der Habenseite der Bilanz!

Wir lesen Bücher, folgen den Gedanken von Adorno bis Zenon – von der Gegenwart bis zurück in die Jahrtausende vor unserer modernen Zeitrechnung.

Wir hören Musik die uns das Herz und die Sinne streichelt, wandeln durch Museen und Galerien und betrachten dabei die materialisierten Gedanken von Menschen die oft klagen, anklagen, doch all diese Klagen perlen ab, am Teflon unserer Selbstgerechtigkeit, oder an unserer Feigheit, wir verstecken uns hinter vermeintlichen Zwängen, verstecken unsere Güte, damit wir funktionieren – für die Oligarchen!

Einige von uns gehen hinaus in den Wahnsinn hinein, sie verlassen die glatten Säle, verlassen die Glaspaläste, sie erleben den Irrsinn in den Tälern, den Irrsinn auf den Ebenen, den Lagern, den verwüsteten Städten, den grässlichen Orten des hemmungslosen Profits, wo die Menschen sich in dumpf und geistlos dahinschleichende Zombies verwandelt haben und mit leblosen Augen den widerlichsten Verrichtungen nachgehen, um einige Stunden Schlaf in einem Verschlag und eine verseuchte Brühe zum Essen zu erhalten.

Doch selbst die kommen zurück und der Panzer um ihre Herzen ist entweder noch fester geschweißt, oder sie töten sich eines Tages selbst um der Apokalypse ihrer Erinnerungen zu entkommen.

Die Welt ist so ein grandios irrsinniger Ort geworden, dass wir es gar nicht mehr ertragen können, die Realität an den meisten Plätzen wo sich Menschen befinden bewusst wahrzunehmen, wir filtern das Geschehen, wir lassen nichts durchdringen, damit wir nicht völlig verrückt geworden vor den nächsten Zug springen.

Wo sind die Guten, diese Frage stellt sich uns nicht, wir sind jenseits von Gut und Böse angelangt. Doch dieses Jenseits, es hat die Güte und das Gute wohl ausgeschlossen, die junge Ärztin, sie pflegt das Kind in Somalia nur, damit es an der nächsten Ecke in die Fänge des Terroristen läuft, der es zu einer lebenden Bombe macht, die wiederum auf einem belebtem Marktplatz ein Dutzend Menschen in den Tod reißt, deren Angehörige in Wut und Trauer zu allem bereit ihren Zorn ähnlich banal und fatal weitertragen, so sind die meisten Menschen zu Schlachtfiguren geworden und im Hintergrund agieren die Interessen der Macht, sie spielen sich aus und jene die im Land des großen Kapitals leben, bedienen sich der Drohne, jene die ihre Welt die ebenso verblendet und voller Hass und Menschenverachtung wie die der Kapitalkräftigen ist, sie holen sich die zornigen und werden ab und an von einer Drohne erspäht und per Knopfdruck samt ihren Kindern und Frauen gelöscht.

Wir leben längst in der Matrix, ohne Gefühle, nur der Score zählt, der Highscore, da sind die etablierten Mächte im Vorteil.

Es sind immer Machtinteressen, und solange wir als Individuen unseren erwählten Artgenossen Macht zugestehen, Macht über uns, werden wir in diesem Spiel zerrieben.

Erst wenn der Mensch begreift, dass er keiner Macht bedarf, dass der Mord kein Mittel im Leben ist, dass das Leben selbst kein Kampf sondern eine Aufgabe für die Gedanken ist, die Gedanken, die nicht im materiellen Wahnsinn das höchste Ziel begreifen, sondern im Sein ohne Leid und Angst, im Sein mit Glück und Freude an der Schönheit des Ganzen, erst dann wird Frieden und Gemeinschaft an die Stelle des Wahnsinn treten.

So bleibt zum Schluss nur die Trauer, die Trauer über meine Mitmenschen, die rechts und links neben mir gehen, und die Augen vor ihrem eigenem Wahnsinn verschließen, sich zu willigen Helfern der Macht machen und inbrünstig hoffen, bald mehr Geld zu erhalten, um mehr konsumieren zu können – nur jeder Cent mehr, kostet mehr Leid auf der anderen Seite der Bilanz!

Die Drohnen töten für alle, die in Ruhe ihr Geld sammeln möchten, die Drohnen töten für jeden ignoranten kleinen Angestellten, der alles tun würde, damit er seinen Platz hinter dem Schreibtisch behält, egal wieviel Morde dafür irgendwo auf der Welt von Nöten sind.

Nur diesen Zusammenhang, mag der Schreibtischmörder nicht erkennen, er sieht sich selber nur als Opfer der Mächtigen, obwohl ihm niemand die Waffe an die Stirn hält und sagt, schaffe oder sterbe!

Es gibt etwa drei Milliarden Menschen, die könnten freiwillig auf die Seite jener vier Milliarden treten, die sich nur des Überlebens willen zu Sklaven machen – doch sie tun es nicht, sie ziehen es vor einigen Millionen zu dienen, die sie mit der Zynik ihres Überflusses bei Laune halten und ihnen die Karotte des Wohlstands vor die Eselshirne halten.

Mich widert es immer mehr an, mich widern vor allem jene an, die sich über Drohnen austauschen, ohne zu kapieren, dass sie selber ständig auf den Auslöser drücken.

Ich drücke nicht! Verflucht, wer es nicht glaubt, soll mich besuchen und nach einigen Wochen bei mir kapiert er wie es funktioniert!

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Vier Schwestern der Familie Ali Mohammed Nasser wurden im Jemen getötet. Afrah war neun Jahre alt, als sie und ihre drei jüngeren Schwestern Zayda (7 Jahre), Hoda (fünf Jahre) und Sheika (vier Jahre alt) von einer US-Drohne getroffen

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