2013-03-01 Hamburg, Quito, auf den Spuren von Alexander von Humboldt

  • Hermann Gebauer

Anlässlich der Wiederwahl von Ecuadors Präsident Rafael Correa ist es an der Zeit, sich mit den gesellschaftlichen Ereignissen in Südamerika näher auseinanderzusetzen.
Diese Weltregion geht anders als Europa ihren ganz eigenen Weg der
wirtschaftlichen und politischen Entwicklung, der jedoch auf dem amerikanischen Kontinent insgesamt und auch auf dem europäischen seine Spuren hinterlässt.
Nicht umsonst war Alexander von Humboldt auf seiner Forschungsreise 1800 bis 1804 in Lateinamerika beeindruckt von der Natur und den Menschen dieses Kontinents. Elcondorpasa2013 wird aus diesem Grund über die Andenländer Ecuador und Peru berichten, jedoch nicht in Form von journalistischen Ergüssen, sondern in Form von fortlaufenden Geschichten über die Menschen dieser Länder und ihre Verwicklungen mit Deutschland und Europa.

1.   Folge der Anden-Saga

Nach dem Frühstück setzte ich mich wie gewöhnlich erst einmal vor den Computer, um meine Mail zu lesen und die letzten internationalen Nachrichten zu erfahren. Ein guter Freund aus Hamburg schrieb mir eine längere Mail über Quito und Ecuador, die ich dem Leser nicht vorenthalten möchte.

Ecuador stand in letzter Zeit einige Male im Interesse der Weltöffentlichkeit:

–   Es ging um das positiv beschiedene Asylgesuch von Assange, der augenblicklich in der Londoner Botschaft Ecuadors auf die Ausreise nach Ecuador wartet. Die Briten machen Schwierigkeiten, denn sie wollen Assange an Schweden ausliefern, wo ein Strafantrag gegen ihn wegen angeblichen ungeschützten Geschlechtsverkehrs mit zwei jungen Frauen gestellt wurde. Assange, der Gründer von Wikileaks, hat begründeten Verdacht, er könne von Schweden an die USA ausgeliefert werden, deren Staatsgeheimnisse er veröffentlicht hat, deshalb sein Gesuch um Asyl in Ecuador.

–   Am letzten Sonntag gelang Ecuadors Präsident Raffael Correa, ein bekannter streitbarer  Widersacher der USA, die Wiederwahl für weitere vier Jahre. Außerdem errang seine Partei eine Zweidrittel-Mehrheit im Parlament, was Correa die Möglichkeit der Verfassungsänderung gegen eventuellen Widerstand vonseiten der Opposition im Lande erlaubt.

–   Gestern, Mittwoch, wurde der neue Flughafen Quitos mit der längsten Landebahn Südamerikas etwa eine Autostunde von der Stadt entfernt in der Nähe von Tumbaco im Tal zwischen den beiden Anden-Kordilleren eingeweiht.

–   Unlängst erschien ein Artikel im „Economist“ über die zunehmende Abhängigkeit Ecuadors von China. Das Reich der Mitte ging in den letzten Jahren Schritt für Schritt daran, die eigene Entwicklung durch die Ausbeutung von Land, natürlichen Ressourcen und Technologien auf dem gesamten Globus abzusichern.

– – –

„Mein lieber Freund …

ich schicke Dir im Anhang den Beginn einer Anden-Saga, die ich im Begriff bin zu schreiben. Diesbezüglich wäre ich dankbar, Du würdest mir Deinen Kommentar zu dem Beginn der „Saga“ mitteilen. Da Du schon lange im südamerikanischen Kontext lebst, ist mir Deine Meinung als sogenannter „Kenner der Materie“ wichtig.  Ich beabsichtige, Geschichten aus Peru und Ecuador nicht nur als unterhaltsame Lektüre zu erzählen, sondern mir geht es darum, dass der deutsche Leser sich mit der historischen, geografischen und auch weltpolitisch wichtigen Andenregion auseinandersetzt, die durch Generationen hinweg die Aufmerksamkeit interessierter Deutscher und auch deutscher Aussiedler gefunden hat. Ecuador, das kleine Andenland mit 14 Millionen Einwohnern, hat auf dem südamerikanischen Subkontinent eine über das Land weit hinausgehende Bedeutung gefunden. Diese Bedeutung möchte ich mit meiner Saga, mit meinen Geschichten über die beiden Länder Ecuador und Peru, zuerst mit Dir erörtern, bevor ich sie dann dem geneigten Leser anheimstelle. Scheue Dich also nicht, meine Auffassungen bzw. Darstellungen zu kritisieren und mir, wenn Du es für wichtig erachtest, Anregungen zu geben, wie ich die Saga verbessern und für den Leser anregender gestalten könnte.

Die Saga beginnt in Quito, der Hauptstadt des Andenlandes Ecuador:

Clara Hansen hatte ihre Morgentoilette gerade beendet, als der Zimmerservice ihr einen Cappuccino und einen Obstsalat brachte. Gleichzeitig erhielt sie von der Rezeption die Nachricht, dass ihre Bekannte Lucía Reyes von der Redaktion eines ecuadorianischen Journals in der Lounge ihres Hotels „Colon Internacional“ in Quito auf sie wartete. Clara ließ ausrichten, sie sei in zehn Minuten unten in der Hotelhalle. Sie wollte sich gedanklich in aller Ruhe auf diesen Tag, den 8. März 2012, ihren 50ten Geburtstag, der mit dem Internationalen Frauentag zusammenfiel, vorbereiten.

Am Vorabend war Clara auf dem Flughafen der ecuadorianischen Hauptstadt angekommen. Vor einem Monat hatte ihr der Chefredakteur der Hamburger Zeitschrift, für die sie schon seit mehr als zwanzig Jahren arbeitete, das Angebot gemacht, eine Artikelserie über die Anden zu verfassen. Diese sollte in zweiwöchentlichen Abständen erscheinen. Sie sei als Erinnerung an die 210te Jahresfeier der Entdeckungsreise des großen deutschen Naturforschers Alexander von Humboldt in Lateinamerika gedacht. Der Grundgedanke der Artikelserie sollte die Beschreibung des heutigen Ecuador und Peru sein. Humboldt hatte beide Länder im Rahmen seiner Lateinamerika-Expedition im Jahre 1802, zwanzig Jahre vor Erreichen der Unabhängigkeit von der spanischen Krone, auf einer Route zwischen Quito und Lima erforscht. Clara hätte zwei Monate lang Zeit, Untersuchungen vor Ort über Land und Leute anzustellen. Wichtig sei, den deutschen Leser mit den augenblicklichen Verhältnissen in beiden Ländern bekannt zu machen und dabei besondere Aufmerksamkeit auf die Lebensbedingungen der Menschen zu legen. Im Übrigen hätte sie alle Freiheit der Welt, ihre Reise zu planen und auch die Form der literarischen Ausarbeitung zu wählen.

            Clara hatte nicht lange gezögert, bis sie zusagte, denn beide, der Chefredakteur und der Herausgeber der Zeitschrift, hatten Claras eigene Vorstellungen von der Artikelserie unterstützt. Sie wollte die Reise in Ecuador und Peru mit einer ecuadorianischen Freundin zusammen gestalten. Diese hatte sie 1990 zu Beginn ihrer journalistischen Tätigkeit während des Bürgerkrieges in Mozambique kennengelernt. Lucía Reyes arbeitete damals in der Öffentlichkeitsarbeit für das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, UNICEF, war dann aber vier Jahre später in die Redaktion eines bekannten Journals in Quito gewechselt. Lucía, die auch das heimische Quechua beherrschte, könnte Clara mit ihrer Landeskenntnis unterstützen. Außerdem hatte Lucía die Idee, die Artikel für ihr eigenes Journal auf Spanisch zu übersetzen und mit Bildern und Skizzen eines befreundeten Malers anschaulich zu gestalten. Die Herausgeber beider Publikationen willigten in eine zweisprachige Veröffentlichung ein und auch, dass Clara die Artikel in Form fortlaufender Geschichten, einer Saga, abfassen würde, denn sie war der Meinung, auf diese Weise eine größere Leserschaft zu erreichen. Schließlich hatte sich Clara ausbedungen, ihre romanhafte Beschreibung der Anden und ihrer Menschen aus der geschichtlichen und gesellschaftspolitischen Entwicklung der Andenregion herauszuarbeiten, ganz in der Humboldtschen Tradition. Dieser hatte sich zwar vornehmlich dem Studium der natürlichen Umweltbedingungen verschrieben, aber als glühender Anhänger der Aufklärung waren ihm menschenwürdige Lebensbedingungen der Völker in ihrer jeweiligen Umwelt ein Herzensanliegen gewesen.

Clara hatte Lucía nichts von ihrem Geburtstag gesagt. Es sollte für sie ein Tag der Besinnung auf ihr bisheriges Leben aber auch ein Tag in den Eintritt eines neuen Lebensabschnittes sein. Schon im Badezimmer ging sie in Gedanken Stationen ihres Werdeganges durch. Aus einer Familie mit fest verankertem sozialdemokratischen Gedankengut abstammend, hatte Clara nie die Erzählungen ihrer Eltern und Großeltern aus dem Gedächtnis verloren. Der Großvater väterlicherseits, der aus dem katholischen Rheinland kommend im protestantischen Hamburg eine Lehre auf einer Werft begann und sich schon früh der Gewerkschaftsbewegung angeschlossen hatte, war bald nach der Machtübernahme Hitlers gezwungen gewesen, auszuwandern. In Peru, in Pozuzo, fand er seine neue Heimat.

Entfernte Verwandte waren schon seit mehreren Jahrzehnten im zentralen peruanischen Amazonasgebiet, der „selva central“, heimisch geworden. Mit anderen deutschen und österreichischen Auswanderern hatten diese Vorfahren zuerst in Pozuzo, dann in Oxapampa und schließlich in Villa Rica typische deutsch-österreichische Ortschaften gegründet. Mitte der 30er Jahre heiratete der Großvater eine junge Frau aus einer österreichischen Einwandererfamilie und wenige Jahre später kam Claras Vater in Pozuzo zur Welt.

Kurz nach dem Krieg kehrten die Großeltern mit dem Vater ins vom Krieg weitgehend zerstörte Hamburg zurück. Der Großvater fand in derselben Werft abermals Anstellung und wurde Mitglied der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, der SPD. Von seinen früheren Arbeits- und Gewerkschaftskollegen traf er nur wenige wieder. Die meisten waren Opfer der Kriegshandlungen geworden. Andere waren für immer hinter den unbarmherzigen Umzäunungen der Konzentrationslager des Naziregimes verschwunden. Großmutter, die ihr bisheriges Leben ausschließlich im tropischen Regenwald Perus verbracht hatte, fand eine Stelle als Hausmädchen in einer hochherrschaftlichen Villa in Blankenese.

Während Clara gedankenverloren an  ihrem Cappucino schlürfte und den frischen Obstsalat aus Mango, Papaya,  Wassermelone, Ananas und Banane genoss, schweifte ihr Blick aus dem  Hotelfenster über den Park „El Ejido“ hinweg in Richtung historische Altstadt und des dahinter aufragenden Vulkans „Pichincha“. Unten im Park und um das Kulturhaus, „Casa de la Cultura“, herum drängelte sich bereits eine fröhliche, erwartungsvolle Menge, die durch Reden und Musik aus Lautsprechern angefeuert wurde. Heute war Internationaler Frauentag, ein Fest für Frauen und für den Kampf um ihre Rechte. Doch wie auch in anderen lateinamerikanischen Staaten hatte Präsident Rafael Correa die Gunst der Stunde genutzt, diesen Tag für sich und seine Regierungsform der Bürgerrevolution, der „Revolución Ciudadana“, auszunutzen. Eine mächtige Demonstration von Menschen aus allen Provinzen des Landes, in Hunderten von Bussen und mit freier Tagesverpflegung in die Hauptstadt geschafft, sollte die Unterstützung für den ambitionierten Präsidenten bekunden. Die indianische Opposition, die zum Widerstand gegen die  Pläne der Regierung, Erze im Tagebau in von indianischen Völkern bewohnten Gebieten abzubauen, aufgerufen hatte, sollte durch die massive Unterstützung für den Präsidenten eingeschüchtert werden. Präsident Correa wollte sich auf dem Balkon des historischen Präsidentenpalastes im Zentrum der Altstadt von 40.000 begeisterten Anhängern der „Revolución Ciudadana“ feiern lassen. „Wenn die Opposition 4.000 Menschen auf die Beine stellt und einen Marsch nach Quito veranstaltet, dann werden 40.000 Ecuadorianer aus allen Provinzen des Landes zeigen, was des Bürgers Wille ist!“ Und dieser Wille soll ebenso wie in anderen  ALBA-Ländern, der ‚Bolivarianischen Allianz für Amerika‘, den ‚Sozialismus des 21ten Jahrhunderts‘ herbeiführen, deren theoretische Grundlagen mehr als Hundert Jahre nach Marx und Engels wiederum von Deutschen Wissenschaftlern entwickelt wurden.

Clara fragte sich, wie wohl der 8. März 1962 in Hamburg Mitte ausgesehen haben mag, an dem sie in einer Klinik in Altona zur Welt kam. Ihr Vater Johannes und ihre Mutter Helga, die beide zu dieser Zeit ein Volontariat an einer bekannten Hamburger Zeitung absolvierten, wussten anfangs nicht, welchen Namen sie ihrer Tochter geben sollten. Beide hatten eigentlich vor, an einer von der Journalistengewerkschaft mit veranstalteten Feier zum Internationalen Frauentag teilzunehmen. Dazu hatte Helga einen Beitrag zur Entstehung des Feiertages im ersten und zweiten Jahrzehnt des 20ten Jahrhunderts vorbereitet. Doch die Geburtswehen, die Wochen vor dem voraussichtlichen Geburtstermin einsetzten, verhinderten eine Teilnahme an der Feier. Helga war besonders von Clara Zetkins unermüdlichem Kampf für Frauenrechte und Einführung eines Internationalen Frauentages beeindruckt. Clara Zetkin, die vor dem Ersten Weltkrieg ein führendes Mitglied der Sozialdemokratischen Partei war und später der Kommunistischen Partei angehörte, konnte nach der Bolschewistischen Revolution auch Lenin zur Unterstützung des Internationalen Frauentages bewegen, der dann 1921 erstmalig am 8. März begangen wurde. Als Helga im Krankenbett ihr neugeborenes Mädchen bewundernd in den Armen hielt, und es an ihre Brust legte, durfte auch Johannes das Baby in Augenschein nehmen. Beiden kam spontan die Idee, das Neugeborene zu Ehren von Clara Zetkin auf den Namen „Clara“ taufen zu lassen. Wie die Eltern Clara später erzählten, wünschten sie sich eine starke, unabhängige Tochter, die sich nach dem Vorbild von Clara Zetkin in der Gesellschaft für die Rechte der Unterdrückten, Benachteiligten und vor allem der Frauen einsetzten würde.

Das Wiedersehen mit Lucía war stürmisch. Sie hatten sich vor zehn Jahren zum letzten Mal in Südserbien getroffen, wo sie für ihre Zeitschriften über die Konflikte der Balkanländer berichteten. Die Lebenswege beider Frauen verliefen in ähnlichen Bahnen, sowohl im persönlichen wie auch im beruflichen Bereich. Über die Jahre hinweg blieben sie in Kontakt, den sie im letzten Jahrzehnt mithilfe des Internets aufrechterhielten. Beide waren alleinerziehende Mütter. Ihre Kinder besaßen multikulturelle Wurzeln. Claras farbiger Sohn, mit dessen afrikanischem Vater sie bei ihrem ersten Auslandsaufenthalt im kriegsgeschüttelten Mosambik ein flüchtiges Liebesabenteuer hatte, studierte bereits. Lucía hatte eine siebzehnjährige Tochter, die vor dem Abschluss ihrer Sekundarschulausbildung stand. Deren Vater war Angehöriger des Shuar-Volkes. Lucía hatte ihn kennengelernt, während sie als Berichterstatterin über den kriegerischen Grenzkonflikt zwischen Peru und Ecuador Anfang 1995 im Gebiet der „Cordillera del Condor“ an der Grenze zu Peru tätig war.

Die herzliche Umarmung und der heimlich von beiden erwartete Begrüßungskuss tat beiden Frauen gut. Carla kam es vor, als hätten sie sich erst gestern auf dem zugigen, kalten Flugplatz in Belgrad in der Vorweihnachtszeit 2001 verabschiedet, um getrennt in ihre Heimatländer zurückzufliegen. Befriedigt stellte sie fest, dass sich beide ein attraktives Äußeres bewahrt hatten.

Die Erinnerung an ihre letzte gemeinsame Autofahrt und den Vorabend in Südserbien ergriff sie aufs Neue. Die Fahrt führte vom malerischen „Vlasinsko Jezero“, dem Vlasina See, und den schneebedeckten umliegenden Bergen in der Nähe der bulgarischen und mazedonischen Grenze zur serbischen Hauptstadt.

Die Nacht vorher hatten die Frauen gemeinsam in einem kleinen Hotel am Nordzipfel des Sees verbracht. Wegen Überbelegung mussten sie mit einem Zimmer vorliebnehmen. In diesem gab es nur ein Bett, das den engen Raum fast vollständig vereinnahmte. Zum Glück verströmten die mit Holz getäfelten Wände und der elektrische Heizapparat eine wohlige Wärme. Die beengten Verhältnisse zwangen beide Frauen dazu, dicht beieinander zu schlafen. Bis weit in die Nacht hinein erzählten sie sich Geschichten über ihre Familien, über sich selbst und über ihre Männererfahrungen. Auch ihre Eindrücke über die von ethnischen Konflikten heimgesuchten Balkanländer kamen nicht zu kurz. Dabei gehörte ihre Bewunderung vor allem den in islamischer Tradition aufgewachsenen Frauen Kosovos und Bosniens, die sich in einem hart erarbeiteten Emanzipationskampf Stück für Stück erweiterte Freiräume erworben hatten.

Clara und Lucía fanden lange keinen Schlaf. Die physische Nähe, die Gewissheit der emotionalen und intellektuellen Verwandtschaft und die geteilten Momente während ihrer oft gefahrvollen journalistischen Arbeit veranlassten die beiden Frauen, sich immer dichter aneinanderzuschmiegen. Als sie sich dann schließlich einen ersten richtigen Gutenachtkuss gaben, kamen Sehnsüchte nach noch größerer Nähe in ihnen auf. Aber beide erschraken über sich selbst und ihre Gefühle, die sie so noch nie einer Frau gegenüber empfunden hatten. Zum Schlafen drehten sie sich auf die Seite, vom anderen weg, und versuchten, sich nicht mehr zu berühren.

In der Folgezeit konnten beide diese Nacht am Vlasinsko Jezero mit ihren unerfüllten Wünschen und unbestimmten Ahnungen nie mehr so recht aus ihrem Gedächtnis streichen. Ihr intime Begegnung führte dazu, den Internet-Austausch anfangs in regelmäßigen Abständen zu pflegen. Doch die Zeit, die geografische Distanz und die täglichen Herausforderungen der beiden Frauen in ihrer jeweiligen unterschiedlichen Umgebung trugen langsam zu einem Verblassen des Geschehnisses am Vlasina See bei.

Als sich für Clara die plötzliche Möglichkeit eröffnete, über die Anden eine Artikelserie zu schreiben, schien es für sie ein Wink des Schicksals zu sein, eine gemeinsame Arbeit mit der Freundin anzupacken. Dabei machte sie sich die verschiedensten Gedanken, was ein Wiedersehen für sie bedeuten könnte. Und als sie dann tatsächlich Lucía in den Armen hielt und ihren warmen Körper an dem ihrigen verspürte, meinte sie zu wissen, dass dieser Tag ein Wendepunkt in ihrer beider Beziehung sein könnte.

Noch ganz überwältigt von der erstmaligen Begrüßung nach zehn Jahren verließen die beiden Frauen das „Colon Internacional“ und gingen zum „El Ejido“ hinüber. Der Park war an diesem frischen und sonnigen Morgen voll von erwartungsfrohen Menschen, die den Feiertag mit Familien oder Freunden genießen wollten und ihren Kindern auf dem Rasen unter den Bäumen freien Lauf ließen. Diejenigen Menschen, die sich der langsam formierenden Demonstration zum Präsidentenpalast anschließen wollten, nahmen blockweise auf der „Avenida Tarqui“ am anderen Ende des Parkes Aufstellung. Da waren politische, ethnische und kulturelle Gruppen aus allen Landesteilen und sozialen Schichten mit Fahnen und Spruchbändern und einer zentralen Botschaft anzutreffen: „Viva la revolución ciudadana! Estamos con el Presidente!“ Es lebe die Bürgerrevolution! Wir sind aufseiten des Präsidenten! Am meisten beeindruckte die ethnische Vielfalt der Menschen, seien sie indianischen, schwarzafrikanischen, europäischen oder gemischtrassischen Ursprungs und Clara fragte sich unwillkürlich: „Wie hat sich diese Gesellschaft im Laufe der Jahrhunderte zu einer Nation geformt und was wird ihre Zukunft sein?“ Aber sie war ja gerade aus diesem Grunde hier, um mithilfe von Lucía Antworten auf die Frage zu finden. Mit einem Mal begriff sie, auf welch schwierige Mission sie sich eingelassen hatte. Instinktiv hakte sie sich bei Lucía unter als müsste sie sich bei ihrer Freundin Ermutigung für das beginnende Unternehmen einholen, auf das sie nur unzulänglich durch ein kurzes Literaturstudium vorbereitet war. Gottseidank war ihr Spanisch dank der Arbeit mit Lucía seit ihrer gemeinsamen Zeit in Mosambik und auf dem Balkan fließend.

Langsam setzte sich der Demonstrationszug in Richtung des „Plaza Grande“ und des Präsidentenpalastes, des „Palacio de Carondelet“, in Bewegung. Lucía spürte die Anspannung ihrer Freundin und war sich bewusst, dass es auch entscheidend auf sie ankam, ob die Mission von Clara und ihr von Erfolg gekrönt sein würde. Lucía lenkte Claras Schritt zu einer Bank im Park in der Nähe eines Denkmals zu Ehren von Alexander von Humboldt. Im Vordergrund steht seine Büste auf einem hohen Sockel und dahinter ist eine große viereckige Tafel senkrecht aufgestellt mit einer Landkarte von Nord- und Südamerika in der Mitte. Sie soll die Orte und Länder auf dem Kontinent symbolisieren, die Humboldt zwischen 1800 und 1804 auf seiner Entdeckungsfahrt, zwanzig Jahre vor der Unabhängigkeit von der spanischen und portugiesischen Krone, erforscht hat. In lateinamerikanischen Ländern wird diese Reise in Anbetracht ihrer außerordentlichen Reichhaltigkeit an neuen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen auch als „Zweite Entdeckung des Kontinents“ nach der von Columbus gefeiert, der mehr als dreihundert Jahre früher den Kontinent erreicht hatte.

„Clara, was hältst Du davon, wenn wir heute Abend einen Gang durch die beleuchtete Altstadt machen und in einem schönen Restaurant in der Nähe des Präsidentenpalastes zu Abend essen?“

„Eine gute Idee! Die Beschreibung der Altstadt in meinem Reiseführer hat mich schon neugierig gemacht.“

„Ich möchte Dir auch vorschlagen, Dich bei mir einzuquartieren. Ich habe ein Appartement in der Nähe der „Universidad Católica“ mit einem geräumigen Besuchszimmer. Meine Tochter ist einverstanden, dass Du bei uns zu Besuch bist.“

Insgeheim hatte Clara auf diese Einladung gehofft. So hätte sie die Möglichkeit, ihre Arbeit jederzeit mit Lucía abzustimmen. Auch könnte sie dadurch ihre Ausgaben reduzieren. Die Tagessätze ihrer Redaktion ließen ihr ohnehin wenig Spielraum für Extras.

„Abgemacht, Lucía!“ Dankend drückte sie ihrer Freundin die Hand. Dabei nahm sie über den Händedruck Lucias Wärme abermals in sich auf. Beide Frauen saßen noch eine Weile schweigend Hand in Hand auf der Bank, bevor sie sich erhoben.

Die Büste Humboldts war inzwischen ein beliebtes Motiv für Erinnerungsfotos junger Leute mit unterschiedlichsten ethnischen Wurzeln geworden. Wieder wurde sich Clara der Herausforderung bewusst, dieser menschlichen Verschiedenheit in ihrer geschichtlichen Entwicklung nachzuspüren. Und welche Bereicherung des heutigen Andenmenschen im Verhältnis zur Zeit des Vorabends der Unabhängigkeit hätte wohl Humboldt festgestellt, könnte er heute leibhaftig diesen jungen Ecuadorianern gegenüber treten?

Clara und Lucía kehrten zum „Colon“ zurück. Für Clara war es das Beste, sofort auszuchecken und sich bei Lucía wohnlich einzurichten. Sie wollten den Tag bis zum Abendspaziergang in der Altstadt nutzen, um die gemeinsame Arbeit während der nächsten beiden Monate zu planen. Beim Packen ihres Koffers erzählte Lucía Anekdoten aus der kurzen und skandalösen Regierungszeit des Präsidenten Abdalá Bucaram, der von August bis Oktober 1996 wegen Bauarbeiten im „Carondelet“ ein paar Stockwerke oberhalb von Claras Zimmer im „Colon“ seinen ‚Hofstaat‘ eingerichtet hatte. Lucía hatte zu Hause noch Artikel aus der Zeit dieses einmaligen verrückten Präsidenten, „el loco“, wie er sich selbst nannte, der sich auf der Musikerbühne wie auf dem Fußballplatz wohler fühlte als bei der Ausübung seines staatlichen Amtes. Selbstverständlich vergaß Lucía auch nicht, Abdalás gerade volljährigen, voluminösen Sohn Jacobito zu erwähnen. Dieser hatte als Chef der Zollbehörde schon nach kurzer Zeit seine erste Million US$ an Korruptionsgeldern ‚verdient‘ und wurde von seinem Vater mithilfe junger Prostituierten in die Ausübung viriler Verführungskünste eingeweiht. In dieser turbulenten Abdalá-Episode hatten die ausländischen Gäste im „Colon“ das zweifelhafte Vergnügen, sich zu morgendlicher Stunde in Gesellschaft leichtbekleideter, verführerischer Damen einzuchecken, die zur selbigen Zeit das ehrwürdige und erste Hotel am Platze nach getaner Arbeit verließen.

fujimori

Als Matilde, Lucías Tochter, die Tür des Appartements öffnete, rief ihre Mutter von der Straße her, sie solle doch helfen, das Gepäck Claras mit hinauf in den zweiten Stock zu tragen. Matilde wunderte sich über die ausgelassene Stimmung ihrer Mutter und deren Freundin, die sich sogleich vorstellte. „Matilde, ich konnte nicht umhin, Clara von Abdalá, Jacobito und der gesamten Bucaram-Gesellschaft zu erzählen, denn Clara hatte ihr Zimmer gleich unterhalb der Präsidenten-Suite im Colon. Bei dem Erzählen von Anekdoten aus der Bucaram-Zeit sind wir aus dem Lachen nicht mehr herausgekommen, obwohl doch diese Korruptions-Episode eine der traurigsten Ecuadors ist. Aber jetzt muss Clara erst einmal ihr Zimmer in Augenschein nehmen.“

Lucías Wohnung war Teil eines kleinen zweistöckigen Wohnhauses in einer ruhigen Seitenstraße nahe der Katholischen Universität. Das geräumige helle Besuchszimmer besaß ein großes Fenster mit Aussicht auf den Pichincha-Vulkan. An beiden Seiten des Fensters hingen jeweils ein Originalgemälde von Kingman und eins von Guayasamin, den beiden bedeutendsten Malern des Landes. Vor dem Fenster stand ein Schreibtisch mit einem Rosenstrauß zur Begrüßung des Gastes aus Deutschland. Es gab einen drehbaren Bürostuhl, einen Internet-Anschluss für Carlas Laptop und ein Fernsehgerät mit Kabelanschluss. Das bequeme Bett könnte tagsüber als Sofa dienen. Und was Clara besonders schätzte, weil es in deutschen Wohnungen so selten vorkommt, war eine private Toilette mit Dusche. Matildes und Lucías Zimmer hatten ebenfalls ihre privaten Toiletten und Duschen. Selbst der als Wohn- und Esszimmer gleichzeitig benutzte große Raum zur Eingangstür hin verfügte über eine kleine Besuchertoilette.

„Lucía, mein Zimmer ist einfach ideal zum Arbeiten!“ rief Clara begeistert aus.    „Das soll es ja auch.“ Mit diesen Worten nahm Lucía ihre Freundin bei der Hand und führte sie zum Essenstisch, wo Matilde für jeden eine Tasse Kaffee mit einer „humita“ (eine in Maisblätter eingewickelte und mit Frischkäse verfeinerte Maismehlspeise) vorbereitet hatte.

Bei Tisch fand Clara die Gelegenheit, Mutter und Tochter miteinander zu vergleichen. Lucía, die von mittlerer, sportlicher Statur war, besaß unzweifelhaft spanische Gesichtszüge mit mittelblondem, gewelltem Haar. Matilde hingegen konnte ihre indianische Herkunft nicht leugnen. Ihre leicht gedrungene Gestalt und ihr schwarz glänzendes, glattes Haar, das ihr mehr rundliches Gesicht mit den starken Backenknochen hervorhob, zeugten von großer Ähnlichkeit mit den indianischen Frauen, die Clara in dem Demonstrationszug beobachtet hatte.

„Mein geschätzter Freund! Ich werde den Beginn der Anden-Saga hier unterbrechen. Die nächste Folge wirst Du in einem Monat erhalten, wenn ich Dir über einige Geschehnisse zur Zeit des Grenzkonfliktes zwischen Ecuador und Peru im Frühjahr 1995 berichten werde. Du wirst Gelegenheit haben, nicht nur den Spuren von Humboldt zu folgen, sondern auch den Erlebnissen von Clara und Lucía.

Zum Schluss noch einen kurzen Kommentar zu Verlautbarungen des wiedergewählten Präsidenten Correa. Wie du weißt, sehen sich vor allem die drei Präsidenten von Venezuela, Hugo Chávez, von Bolivien, Evo Morales und von Ecuador, Rafael Correa als Vollstrecker der Mission der Helden der lateinamerikanischen Unabhängigkeit vom spanischen Joch vor etwa 190 Jahren. Diese waren Miranda, Bolivar, Sucre, San Martin u.v.a.m., die zwar von den Ideen der Aufklärung angetrieben die Unabhängigkeit von der spanischen Krone erkämpften, jedoch die sozialen Verhältnisse und die Stellung der katholischen Kirche als Unterdrückungsinstanz gegenüber den indianischen Völkern nicht antasteten. In den drei genannten Ländern versuchen ihre Präsidenten nun mit einigem Erfolg, die eigentliche Revolution voranzutreiben. Das bedeutet die Herrschaft der nationalen Oligarchien, die seit der Unabhängigkeit die natürlichen und menschlichen Ressourcen des Landes ausbeuten, mithilfe des „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ und der „Bürgerrevolution“ abzuschaffen. Das Volk soll nach dem Willen ihrer Führer der wahre Eigentümer der nationalen Reichtümer werden. Auf europäische Verhältnisse übertragen würde das bedeuten, dass die politisch/ökonomische Oligarchie der nationalen Parteien gebrochen würde und stattdessen die Bürger-Macht an ihre Stelle träte. Du kannst Dir vorstellen, welche soziale Sprengkraft diese Bestrebungen innerhalb der lateinamerikanischen Gesellschaften haben. Allerdings muss man Zweifel an der tatsächlichen zukünftigen „Volkssouveränität“ haben. In den drei Ländern wachsen Staatsbürokratien heran, die ähnlich wie früher die nationalen Oligarchien das politische und wirtschaftliche Heft des Handelns fest in der Hand halten.

Was will Correa in den folgenden vier Jahren seiner Amtszeit erreichen? Das primäre ökonomische Ziel ist die Entwicklung der Industrie und des Dienstleistungssektors, um von der einseitigen Ausrichtung als Rohstofflieferant wegzukommen. Das Öl als wichtigstes Ausfuhrgut ist zum überwiegenden Teil schon für Rückzahlungen an China, das jetzt der „allmächtige“ Kreditgeber des Landes geworden ist, vergeben. Als Nächstes soll Erziehung und Forschung gefördert werden, um die Entwicklung der Industrie und Dienstleistungen entsprechend begleiten zu können. Und schließlich soll die Dezentralisierung des Landes angegangen werden, d. h., die Allmacht der zentralen staatlichen Verwaltung soll in Zukunft auf viele Schultern umgelegt werden, hin zu den Provinzen und Kantonen, damit sich der Bürger den lokalen Staatsapparat „aneignen“ kann.“

– – –

Hier schließt die Mail meines Freundes. Ich kann an dieser Stelle nur noch einmal betonen, dass elcondorpasa2013 in der nächsten Monatsausgabe die zweite Folge der Anden-Saga ebenfalls im Dossier-Teil veröffentlichen wird. Bis dahin mag sich der Leser gedulden.

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