2013-03-01 Besuch auf dem Amt

  • Abghoul

Die Behörde lag im Schatten des späten Vormittags. Unangemeldete Personen wurden erst am Nachmittag erwartet. Alle hatten auch ohne Besuch genug zu tun, so lagen die Flure leer vor sich hin. Niemand bemerkte das schlurfende Geräusch und den Gestank der sich langsam breitmachte, ausser einer Praktikantin, die ein Fenster öffnete und grimmig des eben noch anwesenden Kollegen gedachte.

Sachbearbeiter R-T hatte die Tür aufgelassen um nur schnell etwas zu kopieren, aber es hatte einen Papierstau gegeben, dann musste neues Papier vom Lager geholt werden und anschliessend gab es noch ein Wortgefecht wer als Erster kopieren durfte. Der üble Geruch in der Luft passte so gut zur allgemeinen Stimmung im Hause, dass er nicht weiter wahrgenommen wurde.

Der Raum lag im halbdunkel, weil der Sachbearbeiter R-T die Rolladen heruntergelassen hatte um vernünftig mit dem antiken Monitor seines Computersystems arbeiten zu können. Er legte die Kopien auf den Schreibtisch und setzte sich in seinen Arbeitsstuhl als ihm der schreckliche Gestank gewahr wurde.

Gerade wollte Sachbearbeiter R-T das Fenster öffnen, da hörte er ein gluckerndes, schlurfendes Geräusch von seinem Gästeplatz kommen. Der Sachbearbeiter erstarrte in der Bewegung und schaute vorsichtig um den Berg von Aktenordnern herum, der sich wegen der akuten Probleme gestapelt hatte. Sachbearbeiter R-T war nicht allein. “Wissen Sie nicht das wir vormittags geschlossen haben?”,grummelte der Sachbearbeiter vor sich hin, während er sich langsam wieder setzte und die Lampe am Schreibtisch anschaltete. “Nur nach Terminabsprache”, hatte der Sachbearbeiter anschliessend sagen wollen, aber als das Licht auf seinen Gast fiel stockte ihm der Atem. Ein verheddertes Gestrüpp bleicher Tentakel aus dem gluckernd und schlurfend eine gallertartige, bräunlich rosafarbene Masse triefte, hatte sich über den Gästesitzplatz ausgebreitet. Vom Schock betäubt beobachtete Sachbearbeiter R-T wie einige Tentakel einen Gegenstand aus dem Gestrüpp hervorholten und auf dem Schreibtisch plazierten. Der kleine metallische Kegel begann blau zu leuchten und die Tentakel fingen an zu pfeifen. Nach einer kurzen Serie von Geräuschen leuchtete der Kegel grün auf und begann zu sprechen: “Sind Sie der Sachbearbeiter R-T?” Es dauerte eine Weile bis der Sachbearbeiter sich genug gefasst hatte, dann antwortete er: “Sachbearbeiter R-T, Zimmer 105 zu ihren Diensten” Nach einem kurzen Pfeifen sprach der Kegel wieder im grünen Leuchten: “Ich möchte Asyl beantragen und ich brauche Sozialhilfe.” Die Routine des Alltags half dem Sachbearbeiter seine Fassung vollends wiederzuerlangen. “So,so, haben sie eine Meldeadresse hier in der Stadt?” sagte der Sachbearbeiter R-T in der stillen Hoffnung diese abscheulich stinkende Angelegenheit an eine andere Behörde abzuleiten. Nach einem etwas längeren Intervall der pfeifenden Tentakel und einem zischendem Geräusch sprach der Kegel in grün: “Ich bin mit meiner Rettungskapsel vor 1,3 Millionen Jahren auf diesem Planeten eingeschlagen. Die meiste Zeit habe ich im Kälte-Tiefschlaf verbracht. Aufgrund von komprimierten elektromagnetischen Schwingungen auf der Erdoberfläche wurde ich wieder erweckt. Leider musste ich feststellen das die Schwingungen nicht von einer Rettungsmannschafft kamen, sondern das sich die menschliche Spezies das Nutzen von Funkintervallen angeeignet hatte. In meiner Rettungskapsel war nicht mehr genug Energie vorhanden um mich wieder in den Kälte-Tiefschlaf zu versetzen, also wurde ich zum stillen Lauscher des Geschehens auf der Erdoberfläche. In den letzten Jahrzehnten wurde es dank der Fernsehübertragungen und des Internets wesentlich unterhaltsamer und bunter. Meine Kapsel liegt drei Kilometer tief unter dieser Stadt begraben und daher denke ich das diese Behörde für meine Angelegenheiten zuständig ist. Mein Name ist ShhShhGh ShShhNhugGh (das zischende Geräusch) und ich möchte Sozialhilfe nach dem SGBII beantragen.”

Während des Monologs hatte der Sachbearbeiter R-T einige Notizen gemacht, diese studierte er noch einen Augenblick bevor er wieder zu seinem Gast aufsah. “Wird ihr Name ungefähr so geschrieben?”, fragte der Sachbearbeiter und zeigte dem Gast seinen Namen auf dem Notizblatt. Ein kurzes Pfeifen dann antwortete der Kegel in grün: “Das ist zutreffend.” “Dann tut es mir leid das ich Ihnen nicht weiterhelfen kann” sagte der Sachbearbeiter R-T,”denn ich bin hier für die Anfangsbuchstaben R und T zuständig. Antragssteller mit dem Anfangsbuchstaben S müssensich zur Sachbearbeiterin S-U begeben, Zimmer 208 im zweiten Stock.”

Das Licht am metallischen Kegel ging aus, die Tentakel schlurften die ausgeflossene Masse vom Linolfussboden und griffen nach dem Kegel. Als das Gewirr von Tentakeln zu Tür rollte gab ihm der Sachbearbeiter R-T noch einen Rat auf den Weg. “Ausserdem ist die Behörde vormittags geschlossen, Sie sollten besser einen Termin machen” riet der Sachbearbeiter dem Tentakelgewirr. Als es die Tür hinter sich geschlossen hatte, zerknüllte der Sachbearbeiter R-T das Notizblatt und warf es in hohem Bogen in den Papierkorb neben der Tür. Dann öffnete er das Fenster und grummelte vor sich hin:”Da könnte ja jeder kommen!”, während er sich wieder seiner Arbeit zuwandte.

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